Die medikamentöse Therapie von Nicht-Tumorschmerzen mit starken Opioiden
wurde 1990 erstmalig in Deutschland publiziert (3) und löste heftige Reaktionen aus.
Schon zehn Jahre danach scheint eine solche Therapie für viele eine so klare
Selbstverständlichkeit, dass jetzt eher vorsichtige Stimmen angezeigt sind. Die alten
Mythen, dass Opioide abhängig machen, alle Patienten sedieren und gefährlich sind, sind
von neuen Mythen abgelöst worden: Es stimmt nicht, dass alle starken Schmerzen von
Opioiden gelindert werden können.
Die kurzfristige Wirksamkeit von Opioiden bei Nicht-Tumorschmerz ist in der Literatur gut
belegt. Langzeitstudien fehlen dagegen weitgehend oder sind nicht kontrolliert. Alle
vorliegenden Daten belegen aber, dass in Wirksamkeit und hinsichtlich der Nebenwirkungen
keine Unterschiede in der Behandlung zwischen Tumorschmerz und Nicht-Tumorschmerz bestehen
(2).
Es gibt Einschlusskriterien für diese Therapie, die strikt erfüllt sein müssen (s. Tab.
1). Da chronischer Schmerz eine biopsychosoziale Erkrankung ist, müssen zur Diagnostik
und Therapie neben den biologischen Aspekten auch die psychosozialen bedacht werden. Daher
fordern die meisten Empfehlungen ein interdisziplinäres Konsil (oder eine
Schmerzkonferenz) vor einer Langzeit-Opioidgabe. Eine sorgfältige Aufklärung muss u.a.
auf mögliche immunologische und hormonelle Nebenwirkungen der Opioide (Immunsuppression,
Libidoverlust) oder eventueller Beeinträchtigung der Fahrtüchtigkeit zielen.
Bei der Therapie sollten nur Retardpräparate (Morphin, Oxycodon, Hydromorphon) eingesetzt
werden oder Opioide mit langer Wirkungsdauer (Buprenorphin, Fentanyl-Pflaster).
In der Initialphase muss eine Titration mit engmaschiger Kontrolle erfolgen. Hier ist zu
prüfen, ob ein adäquates Verhältnis zwischen Wirkung und Nebenwirkungen besteht. Ebenso
ist zu prüfen, ob die gewünschte Verbesserung der Funktion erreichbar ist: bessere
Beweglichkeit, erhöhte soziale Kontakte. Bei unklaren Befunden sollte ein
interdisziplinäres Team konsultiert werden.
Die weitere Verschreibung (Abbruchkriterien s. Tab. 2) sollte nur durch einen einzigen
Arzt erfolgen, um eine wirksame Kontrolle zu gewährleisten. Eventuelle Nebenwirkungen wie
z.B. Obstipation sind zu behandeln. Hier ist neben ausreichender Flüssigkeitszufuhr und
entsprechender Diät auch ausreichende Bewegung anzuraten. Bei anhaltenden nicht
tolerablen Nebenwirkungen kann auf ein anderes Opioid gewechselt werden oder es muss auf
eine weitere Opioid-Therapie verzichtet werden. Neu auftretende Nebenwirkungen unter
Dauertherapie können aber auch ein Anzeichen für eine relative Überdosierung sein und
sollten zu einem Versuch mit Dosisreduktion führen. Mögliche Indikationen für Opioide
sind chronische Rückenschmerzen, Rheuma, Osteoporose, neuropathische Schmerzen.
Bei diesen Indikationen ist eine positive Wirkung durch Opioide auch belegt. Eine
problematische Indikation sind Kopf- und Gesichtsschmerzen.
Bei Kindern sollten Opioide nur unter sehr enger Indikation eingesetzt werden, da keine
Erfahrungen mit jahrzehntelanger Opioid-Therapie vorliegen. Überhaupt sollte klar sein,
dass Opioide bei Nicht-Tumorschmerz keine lebenslange Therapie sein sollten. Opioide
sollten grundsätzlich neben der Schmerzlinderung eine gleichzeitige Funktionsverbesserung
bewirken, die dann nach einiger Zeit zum Absetzen der Opioide führen kann.
Prinzipielle Unterschiede zwischen den schwachen Opioiden (WHO-Stufe II; Tramadol,
Tilidin-Naloxon) und den starken Opioiden (WHO-Stufe III; Morphin, Oxycodon,
Fentanyl-Pflaster) bestehen nicht. Alle Wirkungen und Nebenwirkungen können auch durch
schwache Opioide ausgelöst werden. Hier sind besonders kurz wirksame Opioide wegen der
schnellen und kurzen Anflutung im Gehirn mit den entsprechenden psychischen Nebenwirkungen
gefährlich. Dagegen ist die Gefahr von psychischer Abhängigkeit bei retardierten
Opioiden und bei regelrechter Verabreichung! gering, sollte aber bei der
Indikation Nicht-Tumorschmerz nicht vernachlässigt werden.
Opioide sind sichere und wirksame Medikamente zur Therapie starker Scherzen. Es gibt
im Gegensatz zu fast allen anderen Medikamenten kaum Berichte über
lebensbedrohliche Komplikationen bei der regelgerechten Einnahme von Opioiden. Diese
Sicherheit kann nur aufrecht erhalten bleiben, wenn klare Regeln (s. Tab. 1 und 2)
eingehalten werden. Tabelle 1: Einschlusskriterien (modifiziert nach Dertwinkel et al.
[1])
Kausale Therapie unmöglich oder erfolglos
Andere Medikamente erfolglos
Psychogenese ausgeschlossen
Medikamenten-/Alkoholabusus ausgeschlossen
Regelmäßige Kontrollen möglich
Therapietreue (Compliance) des Patienten ist zu erwarten
Ein einzelner verantwortlicher Arzt
Regelmäßige Dokumentation |
Tabelle 2: Abbruchkriterien (modifiziert nach Dertwinkel et al. [1])
Fehlende Schmerzreduktion
Fehlende Funktionsverbesserung
Unkontrollierte Dosissteigerung
Einnahmeunregelmäßigkeiten
Arztwechsel |
Literatur
1. |
Dertwinkel, R., Wiebalck, A., Zenz, M., Strumpf,
M.: Orale Opioide zur Langzeittherapie chronischer Nicht-Tumorschmerzen. Anaesthesist 45:
495-505 (1996) |
2. |
WHO-Cancer Pain Relief. World Health
Organisation, 2nd ed., Genf 1996 |
3. |
Zenz, M., Strumpf, M., Willweber-Strumpf, A.:
Opale Opiattherapie bei Patienten mit nicht-malignen Schmerzen.
Der Schmerz 4: 14-21 (1990) |
Prof. Dr. med. Michael Zenz
Klinik für Anästhesiologie,
Intensiv- und Schmerztherapie,
Universitätsklinik Bergmannsheil
Bürkle-de-la-Camp-Platz 1,
44789 Bochum
Aus: Arzneiverordnung in der Praxis (AVP), Ausgabe 1/2002, mit freundlicher
Genehmigung der Zeitschrift.
FAZIT
Opioide bewähren sich in der Therapie von Nicht-Tumorschmerzen. Die
Regeln des WHO-Stufenschemas für Tumorschmerzen (regelmäßige Gabe, nicht-invasive
Applikation, stufenweises Vorgehen) gelten auch bei Nicht-Tumorschmerz. Die Indikationen
zum Einsatz von Opioiden bei Nicht-Tumorschmerz sind allerdings erheblich enger. In einem
biopsychosozialen Konzept chronischer Schmerzen stellen Opioide nur einen Baustein dar,
der nicht allein stehen sollte. Physiotherapie, Verhaltenstherapie, autogenes Training
u.a. sind notwendige gleichzeitige Therapiebausteine. |
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