Vitamin E-Präparate werden auf dem Arzneimittelmarkt mit
unterschiedlichen Dosierungsempfehlungen (300-1200 mg pro Tag) für eine breitgestreute
Palette von rheumatischen Erkankungen (u.a. Lumbago, Arthrosen, Bandscheibenschäden,
Myalgien, Weichteilrheumatismus) angeboten.
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung beziffert für den gesunden Erwachsenen die
wünschenswerte tägliche Zufuhrmenge an Vitamin E mit 12 mg alpha -Tocopherol. In der
Schwangerschaft und in der Stillzeit besteht ein Mehrbedarf von 2 bis 5 mg pro Tag. Eine
gemischte alltägliche Kost enthält ein Mehrfaches dessen. Ein Mangelzustand kann also
(neben extrem einseitiger Ernährung) nur auf Erkrankungen beruhen, die erhebliche
Störungen der Aufnahme im Darm, der Verstoffwechselung oder einen erhöhten Verbrauch des
Vitamins verursachen (z.B. Kurzdarmsyndrom, Sprue). Die Gabe von Vitamin E ist also nur
indiziert zur Behandlung eines Vitamin E-Mangels sowie zur Verhütung von Vitamin
E-Mangelzuständen.
Vitamin E (alpha -Tocopherol) wir ein Einfluß auf die Aktivität verschiedener Enzyme
zugeschrieben. In Laboruntersuchungen konnten Effekte von Vitamin E auf
entzündungsvermittelnde Botenstoffe im Blut gefunden werden. Diese Ergebnisse aus
Tierversuchen oder Untersuchungen im Reagenzglas sind auf den Menschen jedoch nicht
übertragbar, so daß sich eine Aussage zur klinischen Wirksamkeit hieraus keinesfalls
ableiten läßt.
Die Wirksamkeit von hochdosiertem Vitamin E (1200 mg täglich) bei rheumatischen
Erkrankungen soll nach den Vorstellungen ihrer Befürworter als sogenannter
"Radikalfänger" Sauerstoffradikale unschädlich machen, die bei rheumatischen
Entzündungen über das normale Maß hinaus entstehen, eine Gewebsschädigung verursachen
und die Entzündung dadurch verstärken können. Die therapeutische Wirksamkeit von
Vitamin E ist aber weder bei degenerativen noch bei entzündlichen rheumatischen
Erkrankungen nachgewiesen. Die durchgeführten Untersuchungen weisen erhebliche Mängel
auf und genügen heutigen Anforderungen in keiner Weise. Dies trifft auch auf gezielte
Untersuchungen bei rheumatischen Erkrankungen zu, die sich mit der Behandlung der
aktivierten Arthrose, der rheumatoiden Arthritis (chronische Polyarthritis) und der
Spondylitis ankylosans (Morbus Bechterew) befassen. Dementsprechend empfehlen die
Kommissionen Öffentlichkeitsarbeit und Pharmakotherapie der Deutschen Gesellschaft für
Rheumatologie und auch die Aufbereitungskommission Rheumatologie des
Bundesgesundheitsamtes diese Behandlung nicht.
Ist Vitamin E unbedenklich? - Hierzu liegen nur wenige Publikationen vor, die bezüglich
der Dosierung von 1200 mg/Tag aussagefähig sind. Eine erhöhte Blutungsneigung bei
Hochdosierung von Vitamin E ist nicht auszuschließen. Unerwünschte Arzneimittelwirkungen
wie Magen-Darm-Beschwerden, Allergien, Urticaria, Kopfschmerzen und die Reduktion des
Schilddrüsenhormonspiegels sind dokumentiert.
FAZIT
Zu einer positiven Wirkung von Vitamin E liegen keine verwertbaren kontrollierten
Studien vor. Eine Behandlung von rheumatischen Erkrankungen ist nicht zu rechtfertigen.
Vitamin E ist in den empfohlenen hohen Dosen und bei Langzeitanwendung nicht völlig
unbedenklich.
Dr. med. Susanne Reiter
Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
Friedrich-Ebert-Allee 38-40, 53113 Bonn
Literatur
REITER, S: Anwendung von Vitamin E bei rheumatischen Erkrankungen? Bundesgesundheitsbl.
10, 438-441 (1998)
Aus: Arzneiverordnung in der Praxis (AVP) Ausgabe 3/2000, mit freundlicher Genehmigung der
Zeitschrift.
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